Messenger: das neue und bessere Facebook?

Gerade erst hat WhatsApp mit neuen Geschäftsbedingungen viel Aufmerksamkeit und Ärger auf sich gezogen. Im Schatten des derzeit größten, und wohl auch umstrittensten, Messengers haben sich kleinere Apps gemausert. Für Jugendarbeit spielen sie alle eine zunehmend wichtige Rolle, denn seit längerem kehren junge Menschen Facebook vermehrt den Rücken.

Die Faktenlage

Messenger werden immer beliebter, und immer mehr Kommunikation wandert in diese praktischen kleinen Apps, die nicht nur Email, SMS & Co den Rang streitig machen, sondern nun schon seit einiger Zeit auch Plattformen wie Facebook im Alltag junger Menschen verdrängen.

Laut dem D21-Digitalindex 2019/2020 ist WhatsApp inzwischen das am meisten genutzte soziale Netzwerk nicht nur junger Menschen, sondern in allen Altersgruppen. Während die Nutzung von Facebook bei jungen Menschen (14-29 Jahre) rückläufig ist, ist WhatsApp mit 87 Prozent in dieser Altersgruppe (noch) auf fast auf jedem Handy zu finden.

Laut der ARD/ZDF-Onlinestudie nutzen sogar 92 Prozent der 14-29-Jährigen WhatsApp täglich. Es ist aber nicht nur die Häufigkeit der Nutzung, die Messenger für Jugendarbeit spannend machen, sondern auch was dort passiert. So hat die Studie Jugend will bewegen von der Vodafone Stiftung ergeben, dass Messenger für junge Menschen der wichtigste Ort für politische Debatten sind. 54% der Befragten gaben an, dass sie Messenger am häufigsten für politische Meinungsäußerungen nutzen, wobei Facebook und Instagram mit jeweils 31 % deutlich dahinter liegen.

Aus diesen Zahlen wird klar: Messenger spielen auch eine zunehmend wichtige Rolle für die politische Kommunikation und zivilgesellschaftliches Engagement. Wer mit jungen Menschen arbeitet, kommt also nicht daran vorbei, sich tiefer mit dem Thema zu beschäftigen.

Der digitale Biedermeier?

Aber was bedeutet es, wenn politische Debatten nicht mehr öffentlich stattfinden, sondern in geschlossenen Chats? Ist das nun ein Rückzug ins Private – ein digitaler Biedermeier? Auf den ersten Blick scheint der Trend zur Messengerisierung tatsächlich wie ein Abschied von der Utopie einer großen digitalen Öffentlichkeit. Der Rückzug in die (scheinbare) Privatheit der Messenger kommt auf den ersten Blick als ein Rückschritt daher. Es wirkt fast so, als würden junge Menschen vor der aggressiven Diskussionskultur in sozialen Medien fliehen und einen geschützten Rahmen suchen.

Neben der aggressiven Diskussionskultur, beispielsweise auf Twitter, wird häufig ein weiterer Grund für die Messengerisierung herangezogen: Junge Menschen verlassen soziale Netzwerke, wenn sich zu viele Erwachsene dort aufhalten. Im Messenger haben junge Menschen mehr Kontrolle darüber, wer was liest. Dort müssen sie nicht jedes Mal extra auswählen, wer ihre Insta-Story sehen soll und wer nicht. Kurzum, Messenger sind in gewisser Hinsicht Safe Spaces.

Bei genauem Hinsehen geht es bei der Messengerisierung aber nicht nur um einen Rückzug ins Private, sondern häufig um einen anderen Modus politischer Kommunikation: von Fridays for Future bis hin zur Revolution in Belarus (man spricht mitunter von der Telegram-Revolution): Messenger sind zunehmend essenzielle Plattformen für Diskussion, Information und Mobilisierung. Sie unterstützen politisches Engagement, und in manchen Fällen ermöglichen sie es erst. Aber auch hier gibt es eine Schattenseite, denn Messenger sind gleichzeitig Faktoren für die Verbreitung von Verschwörungsideologien und rechtsextremen Gedankengut geworden. Die Podcastfolge “Dark Social” von de:hate, dem Podcast der Amadeu Antonio Stiftung, bietet dazu einen guten Überblick.

Die Spreu vom Weizen trennen

Auf welchen Messenger sollten wir in der Jugendarbeit am ehesten setzen? In den letzten Tagen ist das rund um den Aufruhr um die Geschäftsbedingungen von WhatsApp noch einmal deutlich spannender geworden. Netzpolitik.org schreibt dazu in einem Kommentar mit dem Titel “Shoot the Messenger”:

“Die neuen Geschäftsbedingungen von WhatsApp verärgern viele Menschen. Zu Recht: Facebook kann seine Versprechen bei Datenschutz und Sicherheit einfach nicht halten. Threema und Signal sind gute Alternativen. Wer sie installiert, sollte den alten Messenger im gleichen Zug löschen.”

Viele Menschen folgen offenbar derzeit diesem Rat – Threema und Signal erleben derzeit nach eigenen Angaben einen riesigen Ansturm auf ihre Messenger.

Es scheint also als werden die Lebenswelten von Kindern und Jugendlichen in Bezug auf Kommunikationsansätze bunter und vielfältiger – und Jugendarbeit sollte damit umgehen lernen, finden wir! Das wird nun auch etwas einfacher, weil mit Threema und Signal zwei Messenger ins Blickfeld geraten, die aus datenschutzrechtlicher Sicht wesentlich unbedenklicher sind als WhatsApp es jemals war oder sein wollte.


Foto Credits: Beide Fotos haben wir selber gemacht, und ja, das war nicht unbedingt unsere kreativste Stunde, aber hey 🙂